Zwischen Teig und Stütze – Übergangserscheinungen im Alltäglichen, 2016/17
Theoretische Diplomarbeit, Zeitung, 48 Seiten, Digitaldruck
// thesis, tabloid paper, 48 pages
Die Arbeit besteht aus einer Sammlung von Texten, die sich mit einer Bandbreite an Denkansätzen den Begriffen des Dazwischens, der Übergänge, der Zwischenräume und -handlungen nähert. Im Folgenden sind drei Leseproben aus 3 von 12 Kapiteln zu finden. // The paper consists of a collection of texts, that approach and define the terms and concepts of the in-between, of appearences of interstices and transitions from different points of view. The texts and the following extracts are available in German only. 

Übergänge
Dynamik des Übergangs
Ich beginne mit der Überlegung, in welchen Kontexten mir Übergänge begegnen. Über- und Unterführungen, Brücken, (Roll-)Treppen, Fließbänder, Schwellen, Stufen, Aufzüge, Rampen, Zebrastreifen, Planen, Rutschen, Bahnübergänge, Leitern, Rohre, Korridore. Sie sind zunächst lediglich räumlich situierte Objekte, Manifestationen aus unterschiedlichen Materialien, von Menschen gemachte architektonische und funktional gedachte Elemente des Umraums. Sie sind an einen Nutzen gekoppelt und werden dann zum Übergang, wenn sie verwendet werden. So verbinden sie Orte, ermöglichen ein Hinübergehen, das Zurücklegen einer Strecke – zumeist mit den Füßen überquerbares Terrain. Wenn es um das Herstellen einer Verbindung durch Bewegung geht, könnte man dementsprechend auch (öffentliche) Verkehrsmittel als Übergänge oder anders formuliert, als Räume des Transits bezeichnen: „Jeden Tag durchqueren und organisieren sie die Orte; sie wählen bestimmte Orte aus und verbinden sie miteinander. (…) Sie sind Durchquerungen des Raumes.“ (De Certeau, Michel: Kunst des Handelns, Berlin 1988, S. 215) Spricht man im übertragenen Sinne von Übergängen, wohnt auch diesen eine Bewegung inne. Der Übergang als „der Wechsel zu etwas Anderem, Neuen, in ein anderes Stadium“ (www.duden.de/rechtschreibung/Uebergang). Der Bereich, in welchem das Eine vom Anderen abgelöst wird. Beispielsweise der Übergang von der Kindheit in die Pubertät, in die Adoleszenz, in das Erwachsenendasein, in das Rentenalter, in den Tod. Es sind zeitlich begrenzte Phasen, die sich nur schwerlich definieren lassen. Sie sind von Überlappungen und Entwicklungsprozessen im Kleinen und Großen geprägt – ähnlich der Übergangsphasen der Jahreszeiten. Der Begriff der Übergangslösungen hat einen negativen Beigeschmack. Er verweist auf ein Provisorium, auf ein Stadium, das zwischen dem Gehabten oder Gewohnten in jüngster Vergangenheit und dem Ersehnten oder Geplanten in naher Zukunft liegt und möchte am liebsten nur von kurzer Dauer sein. Anhand dieser Beispiele lässt sich eine grundlegende Gemeinsamkeit feststellen: Ein Übergang verweist immer auf eine Zeitlichkeit, eine Veränderung, eine Dynamik, ein hin zu oder weg von und ist idealerweise nicht statisch. (…)
 



Teig
Zwei unterschiedliche Sorten Mehl werden in eine für den Normalverbraucher überdimensional große, drehbare, am Boden verankerte Edelstahlschüssel gekippt. Zuerst zwei Eimer der einen Sorte aus dem linken Rollschrank, dann zwei Eimer der anderen Sorte aus dem rechten Rollschrank. Hinzu kommt eine zu dreivierteln mit Salz gefüllte Schaufel aus dem Hinterzimmer, sowie ein großer Eimer Wasser – ebenfalls aus dem Hinterzimmer. Die trockenen Massen werden stetig mit dem Wasser vermengt, sie berühren sich und schließen sich zu einer neuen Masse zusammen. Das macht der elektrische Knethaken mit fortwährender Assistenz beider Hände. Im Laufe des Prozesses werden immer wieder kleinere Mengen Wasser mit Hilfe eines rubinroten Messbechers hinzugefügt. Nach etwa acht Minuten kontinuierlicher Drehbewegungen hat die Masse eine zähe, gleichmäßige Konsistenz. Die Ursprungsform der Zutaten ist nicht mehr vorhanden. Der Teig wird aus der am Boden verankerten Schüssel gehieft. Mit vollem Körpereinsatz wird er auf dem zwei Meter entfernten Tresen platziert. Auf die Edelstahlschüssel wird eine weiße runde Platte gelegt, die mit einem etwa zwei Zentimeter breitem roten Rand und mit einer Aussparung an der Stelle versehen ist, wo der Knethaken in den Schüsselraum ragt. Sie wird mit einem großen, breiten Spachtel gesäubert, bevor mit den im Mehl aufeinander treffenden Fingerspitzen der rechten Hand eine kleine Menge Mehl von der Tresenplatte sanft über die runde Platte, die eben noch an den hoch gestapelten 50kg Mehlsäcken lehnte, gestreut wird. Das geschieht, bevor der große Teigklumpen mit beiden Händen und dem stützenden Einsatz der Unterarme sowie einer Schonhaltung des Rückenbereiches vom Tresen zurückgetragen und abgelegt wird; oberhalb des Ursprungsortes des Teiges. Der Teig wird gedrückt, seine Konsistenz nachträglich überprüft. Erst von dem einen Mann, dann von dem anderen. Im Vorbeigehen, und dennoch mit besonderer Hingabe, ja Zärtlichkeit innerhalb der kurzen Berührung. Umrahmt von beachtlich routinierten Handgriffen, entstehen nun Formen – unaufhörlich.

Der Zwischenraum vom Standpunkt des Abdrucks
Als Abdruck wird einerseits der Prozess des Abdrückens und andererseits das Resultat des Abdrückens bezeichnet. Ein Abdruck ist somit Vorgang und Ist-Zustand. Ein Abdruck vermag Formen sichtbar zu machen, die in ihrer Abwesenheit und Komplexität kaum vorstellbar sind. So ist der Vorgang des Abdrückens immer ein Versuch mit einem offenen Ausgang, das Resultat ist stets Überraschung, nie in seiner Gänze kalkulierbar, „weil jeder Gegenstand eines Abdrucks, jedes Objekt, das sich abdrückt, verschieden ist; weil jeder Ort, an dem der Abdruck stattfindet (je nach Material, Textur, Plastizität des Substrats) verschieden ist; weil die Dynamik, die Gestik, das Geschehen des Abdrucks jedesmal verschieden ist.“ (Didi-Huberman, Georges: Ähnlichkeit und Berührung, Köln 1999, S.6)
Ein Abdruck befindet sich in der Gegenwart, während das Abgedruckte unter Umständen in der Vergangenheit liegt oder nicht mehr existent ist; wie „wenn wir in ihm die sicht- und tastbare ‚erinnernde Gegenwart‘ einer Vergangenheit sehen dürfen, die unablässig weiter ‚arbeitet‘, das Substrat gestaltet, in dem sie ihre Spuren hinterlassen hat (…).“ (Didi-Huberman, Georges: Ähnlichkeit und Berührung, Köln 1999, S.7) Es gibt zweidimensionale Fingerabdrücke, die in digitalen Datenbanken ewig zu währen drohen, es gibt Abdrücke von Kissen im Gesicht, die nach ein wenig Zeit von ganz alleine wieder verschwinden und ihre Herkunft verwischen. Man hinterlässt Abdrücke auf alten Ledersofas deren Spannkraft nachgelassen hat, Fußabdrücke sind ständig irgendwo zu sehen; – in Kies, in Beton, in Sand, als Farbspur, als kurzweilige Nässeformation auf trockenem Asphalt. Es gibt Abdrücke von Pflanzen und Tieren früherer Epochen der Erdgeschichte. Der Abdruck an sich besitzt also offensichtlich eine Referentialität, eine fortwährende Bezüglichkeit, ein Verweisen, ein Zeigen auf, eine Verbindung, die entschlüsselt werden kann oder aber unter Umständen nicht einmal bewusst als etwas von etwas wahrgenommen wird. Es handelt sich dennoch stets um ein Gegenstück. Formal gesehen um jene Form, die genau auf das Abgedrückte passt, die Form, die die Offenheit, das Fragmentarische eines jeden Dings für einen Moment komplettiert, zusammenfügt. Erst nach diesem Moment des Ganzen, wie ich die Handlung des Abdrückens auf ihrem Höhepunkt salopp nennen möchte, wird der Abdruck sichtbar. Während des Prozesses entsteht, wenn man so will, eine Einheit, ein Gemeinsames, durch das beide Teile beim Auflösen der Zusammenkunft zum Zeugen des anderen werden. Im Moment des Abdrucks, dem Moment des ‚Ganzen‘ entsteht aber auch eine Unsichtbarkeit, ein Verschluss eines Raumes, ja die Aufhebung des Zwischenraumes. Das Abzudrückende wird verdeckt, bedeckt, umhüllt, seine Leerräume werden aufgefüllt und der Charakter des Abgedrückten bleibt für die Dauer des Abdrucks im Verborgenen. „Die Form ist im Prozeß des Abdrucks nie wirklich vorher-sehbar: Sie ist immer problematisch, unerwartet, unsicher, offen.“ (Didi-Huberman, Georges: Ähnlichkeit und Berührung, Köln 1999, S.18) Hinzu kommt die Individualität und Variabilität, die im Vorgang des Abdrückens liegt: So haben kleinste Veränderungen in der Beschaffenheit des abzudrückenden Materials ebenso das Ausmaß des Drucks und der Kraft durch die der Abdruck geschieht, größten Einfluss auf das Resultat. Materie stößt aufeinander, verbirgt und lüftet schließlich das Geheime. (…)